Arabischer Frühling? Arabischer Winter? Filme aus Tunesien und Ägypten

10. September bis 3. Oktober 2012 im Schloßtheater

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Der Arabische Frühling ist eine Wortschöpfung der ausländischen Medien, in den Ländern selbst wurde sie schon längst in Arabischer Winter umbenannt. Dass sich die angespannte Situation in der Region entladen würde, war seit Jahren abzusehen. Die Starre, in welcher viele ihre Länder erlebt haben, bedeutete keineswegs Stillstand, sondern Ausweglosigkeit. Die Niederlagen, mit denen sich die AraberInnen seit 1967 konfrontiert sehen, die Veränderungen seit Bushs Deklaration einer Neuen Weltordnung 1991 und vielmehr noch seit dem 11. September 2001 sind enorm und folgen einer steten Abwärtsbewegung. Wie in anderen Gegenden der Welt auch, fehlte und fehlt es jedoch an einer Vision. Revolutionen waren nicht geplant. Die Proteste, die sich zunächst als demokratisch und unhierarchisch darstellen ließen, haben sich schnell als richtungslos und kurzatmig entpuppt.

Terminübersicht:

Mo 10.09. - 21:00
Terror und Kebab + Mosireen Clip 1 + Einführung

Mi 12.09. - 18:30
Making Of ? Kamikaze + Mosireen Clip 2

Mo 17.09. - 18:30
Terror und Kebab (WDH) + Mosireen Clip 1
21:00
Making Of ? Kamikaze (WDH) + Mosireen Clip 2

Mi 19.09. - 18:30
Palast des Schweigens + Mosireen Clip 3

Mo 24.09. - 18.30
Palast des Schweigens (WDH) + Mosireen Clip 3
21:00
Chaos + Mosireen Clip 4

Mi 26.09. - 18:30
Chaos (WDH) + Mosireen Clip 4

Mo 01.10. - 21:00
Kairo 678 + Mosireen Clip 5

Mo 03.10. - 18:30
Kairo 678 (WDH) + Mosireen Clip 5

Kritische und oppositionelle arabische RegisseurInnen haben die ganzen Jahre über ihre Finger auf die Wunden der Gesellschaft gelegt: seien es die unerfüllten Versprechen der Führer der Unabhängigkeit, Entwicklungen, die durch den 11. September katalysiert wurden oder Missstände, deren Ursache in der Reibefläche zwischen Tradition und Moderne zu suchen sind. Ihre Filme können als Seismographen für die Eruptionen des letzten Jahres gesehen werden. Da solche Filme in jedem Land nur ein marginales Publikum erreichen und in den arabischen Staaten die Situation der Kinos desolat ist, gelang es ihnen nicht, eine breite Debatte zu initiieren.

Staatstreue Filmschaffende haben mitunter durchaus unterhaltsam Kritik an der Opposition vorgetragen. Von heute aus betrachtet, helfen all diese Filme, sich ein Bild von der Zeit der Regentschaften Mubaraks und Ben Alis zu machen, hier und in den Ländern selbst.

Bis Ende 2010 galt der Begriff Revolution gerade für die junge Generation in den arabischen Republiken als Schimpfwort, waren doch die verhassten Regime aus Revolutionen hervorgegangen. Was die aktuellen Revolutionen mit denen aus den 1950er und 60er Jahren zu tun haben, was letztere bewirkten und welche Fragen bis
heute aktuell sind, interessiert immer mehr junge AraberInnen. Vor allem Filme aus der Generation der Kinder der anti-kolonialen BefreiungskämpferInnen finden ein neues Publikum. Aber auch jüngere ägyptische Filme, die sich dem alles bestimmenden Mainstream-Kino im Land widersetzen, werden diskutiert.

Einige wichtige dieser Arbeiten sind auch von deutschen Verleihen in die Kinos gebracht
worden. Eine Auswahl von ihnen wird in diesem Programm gezeigt. In den Programmtexten finden sich sowohl Zitate der RegisseurInnen als auch europäische Texte, die vor den aktuellen Umbrüchen verfasst wurden. Sie sind zu einem spannungsgeladenen Dialog komponiert.

Die Komödie Terror und Kebab von Sherif Arafa, 1992 in Ägypten ein Kassenschlager, ist der einzige Film des ägyptischen kommerziellen Mainstream, der in der westlichen Welt Beachtung fand. Dass er vor allem in Deutschland im Zuge der Umbrüche 2011 als früher rebellischer Film aufgeführt wurde, hat bei der kritischen arabischen Intelligenz Unverständnis hervorgerufen. Der Regisseur ist als Mubarak-Vertrauter bekannt und der Film selbst eine Verhohnepiepelung von Rebellion. Gerade weil er beim breiten Publikum so beliebt war, ist er ein interessantes Dokument cleverer staatstragender Kultur.

Das Schweigen des Palastes von Moufida Tlatli (Tunesien 1994) gilt als feministischer Klassiker, was im tunesischen Kontext nicht zwangsläufig Opposition zum Regime bedeutet hat. Vielmehr ist die tunesische Republik der arabische Staat, mit den weitestreichenden Frauenrechten. Eine große Zahl staatlich geförderter Kinofilme hat sich diesem Thema gewidmet.

Nouri Bouzid, dem jede Form des Autoritären zuwider ist, wendet sich in seinem Werk bewusst von der Darstellung heldenhafter Männer ab und schafft gebrochene Figuren. In Making Of ? Kamikaze (2006) befasst er sich mit dem Thema des islamischen Fundamentalismus und dem Selbstmordattentat.

Der ägyptische Altmeister Youssef Chahine rechnet in seinem letzten Film, Chaos (2007), mit dem Regime ab. Schonungslos prangert er Korruption, Folter und Polizeistaat an und stellt ihnen eine Vision von Gerechtigkeit entgegen.

Das Regiedebüt Kairo 678 (2010) von Mohamed Diab erzählt von der sexuellen Belästigung Kairener Frauen im öffentlichen Raum. Diab gehört zu einer neuen Generation von Filmschaffenden, die sich in ihren Arbeiten mit der Realität ihres Landes befassen und sich vom eskapistischen Kommerzkino abwenden, das in die gesamte Region exportiert wird.

Vor jedem langen Spielfilm läuft ein Clip des ägyptischen Videokollektives Mosireen (Zeugen), das sich während der 18 Tage auf dem Tahrir Platz 2011 gebildet hat und jetzt vor allem Gegeninformation zum offiziellen TV veröffentlicht, welches diejenigen, die weiter für Veränderung kämpfen, als Terroristen und Kriminelle
darstellt.

Irit Neidhardt (mec film ? middle eastern cinemas)