Indische Filmtage - Bollywood, regionales Kino, Independentfilme

Bollywood, das sind Liebesschnulzen mit Tanz und Gesang, die drei Stunden dauern, mit Realität nichts am Hut haben und zum Schluss kommt dann das zuckersüße Happy End, ohne Ausnahme. So lautet das allgemeine Vorurteil. Und doch sagt ein großer Autor wie Kiran Nagarkar, man könne Indien nicht verstehen, ohne Bollywood zu kennen.
Nicht dass Bollywood alles wäre, was Indien an Filmen hervorbringen würde. Die Indischen Filmtage haben den Anspruch, die aktuellen indischen Produktionen in ihrer ganzen Bandbreite unter die Lupe zu nehmen und die Bandbreite ist gewaltig!

Den Beginn macht der gerade erst im November in Indien angelaufene „Jab Tak Hai Jaan“ („Solang ich lebe“), ganz klassisches Bollywood-Kino in Reinform mit Shah Rukh Khan in seiner Paraderolle des Liebenden. Bollywood total verspricht auch “Dabangg 2”, der den Starkult zelebriert und viel Macho-Action und markige Sprüche liefert. Das Ergebnis kommt vor allem in indischen Großraumkinos gut an, wo die Unterschicht ihre Idole - in diesem Fall Salman Khan - lautstark feiert. Tanzen müssen in Indien übrigens auch Actionhelden, aber man nimmt ihnen die etwas ungelenke Bewegungsart nicht so übel. Echte Kerle sind eben keine Ballerinas.

Doch auch Bollywood entwirft nicht nur lebensferne Fantasien. Filme wie der erfolgreichste indische Film aller Zeiten, „3 Idiots“, kombinieren auf sehr unterhaltsame Art und Weise die Bollywood-Formel mit sozialkritischem Anspruch. Medizin wird ja auch mit Zucker verabreicht, findet dessen Regisseur Rajkumar Hirani. Und wer hätte gedacht, dass gerade Shakespeares Othello sich im staubigen, gesetzlosen Bundesstaat Uttar Pradesh so richtig wohl fühlen würde? „Omkara“ heißt der Othello hier und nein, singen muss er nicht.

Viele Filme am Rande des Mainstreamkinos, so wird sich zeigen, packen durchaus heiße Eisen an, wie die religiösen Unruhen, die das Land immer wieder erschüttern. So halten sich in „Delhi-6“ das grausame und das exotisch-schöne Indien die Waage. Ein ähnlich mutiger Film ist auch der tamilische „Raavanan“, denn er benutzt das mythologische Epos des Ramayana, versetzt es in die Gegenwart und stellt es auf den Kopf. Das ist ziemlich gewagt. In Nordindien wollte man nicht sehen, dass der dort verehrte Held Ram in die Rolle des Schurken gedrängt wurde und der Film wurde dort zum Flop. Das deutsche Publikum darf sich aber auf einen bildergewaltigen Trip in den Dschungel freuen.

Und so wirklich gar nicht mehr ins Bollywood-Schema passen will dann der radikale bengalische Film „Gandu“ (zu Deutsch: Der Wichser), der bei der Berlinale 2011 vom deutschen Publikum gefeiert wurde. Die Familie des Regisseurs hat den Film allerdings bislang ebensowenig zu Gesicht bekommen wie das indische Kinopublikum.

Werbung für die indische Filmkunst sollen die Indischen Filmtage sein, die vom filmclub münster in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Indischen Gesellschaft Münster veranstalteten werden. Sie geben einen Einblick in ein reiches Filmuniversum, das uns eigentlich komplett fremd ist. Im Anschluss an jeden Film stehen daher auch Experten für Indien und fürs indische Kino für Fragen zur Verfügung. Vergessen Sie, was sie bisher über „Bollywood“ zu glauben wussten, hier haben sie die einmalige Chance das Land, seine Bewohner und seine Filme von einer ganz anderen Seite
kennenzulernen.

Veranstalter: filmclub münster in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Indischen Gesellschaft
Redaktion: Julia Wessel, Vera Wessel
Programmzusammenstellung & Texte: ISHQ Magazin